Markus Matt verlässt die HR-Branche – ein Interview

Markus, mit uns beiden kommen sicherlich mehr als 50 Jahre Personalarbeit zusammen. Du hast jetzt 11 Jahre beim datakontext-Verlag verbracht und bist in deinem Berufsleben immer im Personalwesen unterwegs gewesen. Ich glaube, es gibt wenig Personaler, die dich nicht kennen und schätzen gelernt haben. Wir beide kennen uns auch schon seit vielen Jahren und haben einige Entwicklungen miterlebt.

Doch jetzt kommt die große Überraschung – du kehrst der HR-Welt den Rücken und wechselst in eine komplett andere Branche. Doch dazu später mehr.

Ich freue mich persönlich sehr, dass du dich bereit erklärt hast, heute mit mir dieses Interview zu führen.

30 Jahre Personal – was war deine ursprüngliche Motivation, „Personaler“ zu werden?

Es war schlicht mein Interesse an den Menschen. Ich wollte in einem Bereich wirken, der zutiefst im Dienste des Menschen steht.

In diesen 30 Jahren ist viel passiert – waren für dich die wichtigsten Veränderungen der Personalarbeit in dieser Zeit?

Über all die Jahre hinweg prägte der immerwährende technische Fortschritt unsere Arbeit und er war auch stets Gegenstand höchst kontroverser Diskussionen. Entlastet die Automatisierung den Menschen oder verdichtet sie den Arbeitsdruck? Ersetzt die Maschine den Menschen oder gibt sie ihm mehr Freiheit? Solche Fragen kommen seit langem in immer neuem Gewand daher. Festzuhalten ist: die Technik hat HR extrem verändert, die Abläufe sind effizienter, schneller und transparenter geworden. Das ist Fluch und Segen zugleich, denn die modernen Auswertungsmöglichkeiten von Daten nutzen einerseits dem Menschen und fördern seine Neigungen und Chancen, andererseits bedeutet Transparenz natürlich auch ein hohes Maß an oftmals unsichtbarer Kontrolle.

Zusammenfassend muss ich leider auch sagen: HR hat in vielen Betrieben und auch auf der politischen Makroebene trotz vieler guter Schritte noch immer nicht die Wirkkraft, die diesem wunderbaren und wichtigen Bereich zusteht.

lohn+gehalt

Du hast viele Jahre als Chefredakteur die Lohn+Gehalt verantwortet. Doch die Medienwelt hat sich gerade in den letzten Jahren massiv verändert. Informationen bekommt man – zum Großteil kostenlos – aus dem Web, hunderte Blogger schreiben über HR-Themen, Veränderungen werden somit schnell kommuniziert. Eine Geschwindigkeit, die für eine Zeitschrift, die alle zwei Monate erscheint, fast unmöglich ist. Jetzt ist auch neu zum Beispiel das HR Journal entstanden, das als reines Online-Medium agiert oder mit meiner Site HR-Blogger erhält man laufend aktuelle Beiträge aus HR-Blogs über eine App direkt aufs Smartphone. Wie siehst du die Zukunft der Zeitschriften im HR-Umfeld? Muss sich hier etwas verändern, und wenn ja – was?

Der Qualitätsjournalismus hat die digitale Explosion in der Startphase verschlafen und deutlich zu viele Inhalte gratis oder für kleines Geld zur Verfügung gestellt. An den Folgen laboriert die Branche immer noch. So wird keine Tageszeitung im digitalen Bereich Abo-Preise aufrufen können, die auch nur annähernd dem gewohnten Preis eines traditionellen Print-Abonnements entsprechen – mit allen Konsequenzen für die Verlage. Für Fachmagazine gibt es eine etwas längere Galgenfrist, gerade wenn sie spezielle Sparten wie unsere bedienen. Doch auch hier hat die Erosion längst begonnen.

Wir dürfen uns nichts vormachen: die Digitalisierung hat in ihrer Breite unser gesamtes Verhalten verändert, mit starken Auswirkungen auch auf den Informations- und Bildungsbereich. Der Leser möchte seine Inhalte in rascher Folge aktualisiert sehen und konsumiert deutlich oberflächlicher als früher. Er möchte für gute Informationen im besten Falle kleines Geld bezahlen und natürlich die Darreichungsform frei wählen dürfen. Kurze Texte, viele Bilder, Podcasts und pfiffige Erklärvideos gehören schon heute zum Standard. Du wirst sehen, in einigen Jahren erscheint keine Zeitung mehr in Print und viele auch nicht mehr mit digitalem Text – alles wird in jeder denkbaren Sprache und Stimme vertont werden.

Verlage müssen sich dringend zu modernen Medienhäusern wandeln, welche hochwertige Informationen nahezu in Echtzeit in allen von den Konsumenten und den Werbekunden nachgefragten Formaten anbieten können. Diese Entwicklung bedeutet auch Personalabbau, denn viele klassische redaktionelle Tätigkeiten werden zunehmend von Künstlicher Intelligenz und neuronalen Netzen erledigt.

HR-Fachmagazine erleben ebenfalls eine wachsende Konkurrenz durch Gratis-Angebote, können aber bisher noch recht gut durch fachliche Tiefe und Präzision als Alleinstellungsmerkmale punkten. Dieser hohe Anspruch an inhaltliche Qualität bietet im Verbunde mit einer intelligent und modern aufgestellten Palette an Formaten einen gewissen Schutz gegen allzu große Erosionserscheinungen – doch eine Garantie ist auch das nicht. Es wird vermutlich nicht mehr lange dauern, bis die ersten Tech-Startups selbst anspruchsvolle HR-Zeitschriften vom Scheitel bis zur Sohle automatisiert und natürlich komplett digital produzieren und für kleines Geld oder gar zu Werbezwecken gratis vertreiben werden – und das ohne spürbaren Mehraufwand in mehreren Sprachen. Die klassische Fachzeitschrift wird sterben – es steht nur noch nicht fest, wann genau der Tod eintritt.

Geiz ist geil – viele holen sich Ihre Infos kostenfrei aus dem Web – kann das die Zukunft sein? Welche Daseinsberechtigung haben da noch Zeitschriften, Webinare oder Schulungen?

Es kann nicht die Zukunft sein, es wird die Zukunft sein! Wie eben gesagt, die klassische (Fach-) Zeitschrift sieht ihrem sicheren Ende entgegen und teure Fachschulungen werden unter anderem durch eine wachsende Zahl an Gratis-Angeboten und die exzellenten Resultate der Schwarmintelligenz in Fachgruppen der sozialen Netzwerke ersetzt werden. Der zweite und heute noch meist unterschätzte Treiber dieser Entwicklung ist auch an dieser Stelle die künstliche Intelligenz, sind neuronale Netze. So würde schon heute ein gut programmiertes Tool jede arbeitsrechtliche Beurteilung eines Sachverhaltes gegen jeden Arbeitsrechtler aus Fleisch und Blut gewinnen, weil das Tool in Echtzeit jedes relevante Gesetz oder Urteil speichern, auswerten und vergleichen kann. Das ist das Prinzip Schachcomputer – und es wird sich genauso durchsetzen wie etwa die moderne Landwirtschaft es getan hat. Wissen wird zentral gespeichert und kann dort entweder vom Menschen abgerufen oder gleich aktiv für die Lösung von Fachfragen eingesetzt werden.

Das glaubst Du alles nicht? Nun ja, vor 200 Jahren waren die meisten Menschen in der Landwirtschaft tätig und niemand konnte sich vorstellen, dass dies je anders werden kann. Und auch die Postkutsche hat ausgedient. So wird es binnen überschaubarer Frist auch mit den heutigen Fachzeitschriften und Bildungsangeboten gehen.

Du hast mit der Lohn+Gehalt ja einen relativ trockenen Teil der Personalarbeit abgedeckt. Die Hype-Themen sind zur Zeit New Work, Recruiting, etc. 90% der Blogger beschäftigen sich damit und die anderen Zeitschriften berichten auch nur noch über diese Themen. Ebenso beschäftigen sich Messen vor allem damit und nicht mit den „trockenen“ Themen. Die administrative Personalarbeit wird eher als lästiges Übel angesehen, dabei ist sie für ein Unternehmen essentiell, gerade wenn man an die Gehaltsabrechnung denkt. Wie schafft es dieser Bereich, aus dem Schatten wieder hervor zu kommen?

Gar nicht, lieber Thomas – und das ist für meine Begriffe für die meisten Payroll-Experten auch nicht wichtig. Die Entgeltabrechnung ist und bleibt eine für die korrekte Bezahlung der Entgeltempfänger sowie zur reibungslosen Finanzierung unseres Steuer- und Sozialversicherungssystems elementare Säule. Payroll ist komplex, die Fachleute in diesem Bereich gehören zu den am meisten unterschätzten Experten dieses Landes. Doch Entgeltabrechnung wird nicht zwingend als sexy angesehen – und das muss sie auch nicht. Die vielen mir bekannten Payroll-Fachleute leisten hervorragende Arbeit und brauchen nicht den großen Auftritt, um sich ihrer Kompetenz bewusst zu werden. Sie sind zufrieden, wenn am Ende die Ergebnisse stimmen – und das ist angesichts der Unzahl sich ständig ändernder einschlägiger Gesetze, Verordnungen und weiterer Regelungen eine große Leistung.

Die letzten Monate haben gezeigt – Personalabteilungen sind für digitale Themen nicht aufgestellt. Als die Mitarbeiter ins Home Office mussten, ist dies an vielen Kleinigkeiten gescheitert – von fehlenden Laptops und Firmenzugängen bis hin zu Papierakten und Prozessen, die nicht so einfach ins Home Office verlagert werden konnten. Die Tools dafür gibt es schon lange – aber warum tun sich Personaler mit der Digitalisierung so schwer?

Ich möchte es anders formulieren – HR hat durch Corona einen wahrhaften digitalen Schub erlebt. Natürlich nicht in jedem Unternehmen und nicht in jeder Branche gleichermaßen. Doch es ist endlich Bewegung in unseren Bereich gekommen und damit die Chance gegeben, dass zumindest HR in Deutschland den Weg aus der digitalen Kreidezeit ins 21. Jahrhundert bewältigen kann. Zudem sind viele Unternehmen auch in Deutschland schon heute digital gut aufgestellt. Wo es in Sachen HR nicht der Fall ist, liegt die Verantwortung zudem nicht grundsätzlich bei den Personalern, sondern bei den jeweiligen Unternehmensführungen.

Und letztlich tut sich Deutschland insgesamt schwer, in das digitale Zeitalter aufzubrechen. Unserem Land ging es viele Jahrzehnte hindurch sehr gut und viele heute lebende Menschen kennen unser Land in keinem anderen Zustand. Viele Jahre leichte Siege – das hat träge und satt gemacht.

Du gehst künftig einen ganz neuen Weg und verlässt die HR-Branche komplett. Erzähl doch etwas über deine neue Aufgabe und die Motivation, diesen Schritt zu gehen …

Auch künftig wird der Mensch im Mittelpunkt meines Wirkens stehen, nur eben fortan unmittelbar. Ich werde mich hauptberuflich gegen Altersarmut in Deutschland engagieren und bei einem seit vielen Jahren bundesweit aktiven gemeinnützigen Verein die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für Deutschland übernehmen. Es gibt in unserem reichen Land viel zu viele alte Menschen, die in materieller Not leben müssen, obwohl sie ein Leben lang gearbeitet haben. Leider wächst die Zahl dieser notleidenden Seniorinnen und Senioren stetig an – und dieser Trend wird sich Studien zufolge noch verstärken. Es ist nicht hinnehmbar, dass Menschen nach einem arbeitsreichen Leben zum Nutzen unseres Landes im Alter von teilweise beschämend niedrigen Renten leben müssen. Diese Tatschen werden leider noch immer zu häufig aus der öffentlichen Wahrnehmung verdrängt. Da liest man schon lieber die beruhigenden Durchschnittszahlen des Alterssicherungsberichtes 2020, denen zufolge der mittlere Rentner noch nie so viel Geld hatte wie heute. Doch wir wissen alle: Herrn Durchschnitt und Frau Mittelwert gibt es nicht. Viele Menschen leben weit unterhalb dieses Schnittwertes in Verhältnissen, die kaum vorstellbar sind. Das darf nicht sein –  und ich werde alles dafür tun, dass sich diese Zustände ändern. Der Verein heißt übrigens LichtBlick Seniorenhilfe e.V., unser Münchner Büro liegt gar nicht weit von Deinem Wohnort weg. Komm doch einmal vorbei, sobald es das Virus wieder zulässt.

Meine Motivation zu diesem Schritt hat mit sehr persönlichen Erfahrungen in meinem direkten Umfeld zu tun – konkret mit einem für mich elementar bedeutsamen Menschen, der inzwischen verstorben ist. Es waren die letzten Lebenstage, die letzten Gespräche zwischen uns, welche mich auf diesen Weg brachten. Es ist der richtige Weg, jener des Herzens.

Zum Schluss noch: Was möchtest du den Personalern noch für die Zukunft mitgeben?

Markus Matt

Richard von Weizsäcker hat einmal gesagt: „An drei Dingen erkennt man den Weisen: schweigen, wenn Narren reden; denken, wenn andere glauben und handeln, wenn Faule träumen.“ Ich habe viele tolle „Personaler“ in meinem Leben kennengelernt, die an den richtigen Stellen zu schweigen und zu denken vermochten, nur zum Handeln fehlte letztlich vielen der Mut. Deshalb sage ich: Traut euch, habt Mut, eure Gedanken und Ideen auch gegen Widerstände durchzusetzen! Das hilft den Unternehmen und letztlich auch der gesamten Gesellschaft. Außerdem wäre frei nach von Weizsäcker somit der letzte Schritt zur Weisheit getan.

Markus, vielen Dank für dieses Interview. Ich finde es schade, dass du die HR-Szene verlässt, wünsche dir viel Erfolg und alles Gute für die neue Aufgabe und freue mich, wenn wir auch weiterhin im freundschaftlichen Kontakt stehen!

Thomas Eggert

Schon seit fast 30 Jahren beschäftige ich mich mit dem Thema Personalarbeit, ob zuerst als Personalmanager oder später als Partner der Personalmanager. Meine Themen sind vor allem das operative Personalmanagement, das neben Themen wie Recruiting oder Personalentwicklung die Basis des Personalgeschäfts absichert. Weiterhin beschäftige ich mich mit der Effizienz in modernen Personalabteilungen. Ich bin heute Geschäftsführer bei der BEGIS GmbH und engagiere mich bei der Aktion gegen Populismus als Gesellschafter der dump beer UG.

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