Resilienzmanagement, das neue Heilmittel der Personalwirtschaft?

Es ist doch immer wieder beeindruckend, wie in verborgenen Denkfabriken der manipulativen Führung eine Vielzahl Instrumente und Techniken entwickelt werden, um Menschen zu Aktionen zu bewegen, welche diese eigentlich gar nicht tun möchten.

Nach jahrelangem und mehrheitlich fruchtlosem Laborieren mit gezüchteter Mitarbeitermotivation, insbesondere mit dem schier zwanghaften Versuche der Motivationsförderung durch die Vorgesetzten, herrscht nun eine gewisse Resignation bei der nahen Betrachtung der Ergebnisse. Ausgefeilte Entlohnungssysteme mit komplexen Leistungs- und Erfolgsbeteiligungsmodellen scheinen an Wirkung verloren zu haben, wenn sich diese nicht gänzlich als Rohrkrepierern entwickelt haben. Die Wirkung der vielen Motivationsseminare für Führungskräfte und Mitarbeiter ist auch kaum mehr messbar. Nahezu jede Führungskraft hat getrommelt, ist in schwindelerregenden Höhen herum geklettert, hat mit Pferden geflüstert und/oder ist über glühende Kohle gelaufen, aber was hat sich nun wirklich getan? Hat sich etwas Grundlegendes an der Sinnhaftigkeit des alltäglichen Tuns bzw. an der Produktivität der einzelnen Menschen geändert? Ich befürchte sehr wenig. Die Produktivität des Mitarbeiters hat sich kaum geändert. Prozessautomatisierung, schlanke Strukturen, EDV und ähnliche Instrumente haben gesamthaft die Produktivität gesteigert aber der Mensch, ist dieser produktiver geworden? Ich glaube nein!

Doch nun, oh Wunde! Eine neue Wunderwaffe für Führungskräfte und Personaler wurde erfunden. Das Resilienzmanagement. HR-nahe Berater haben eine neue Arznei gegen drohende Produktivitätseinbussen erfunden. Bereits auf der Packung steht vielversprechend: „Erhöhen Sie die Widerstandskraft von Personen, Gruppen und Organisationen im Umgang mit Herausforderungen“. Ganz ehrlich, wie lange haben wir auf das gewartet? Endlich haben wir die gewünschte Prophylaxe zu drohenden Problemen gefunden. Endlich haben sich die gesuchten Experten gefunden, um die drohende Vorzeichen der wirtschaftlichen Apokalypse abzuwenden und uns darauf vorzubereiten. Resilienzberater, Resilienztrainer und weitere Experten werden und auf das drohende Unbill der Zukunft vorbereiten. Ganz ehrlich: was ist daran neu?

Wann wollen wir uns endlich wieder auf den Kern der Sache konzentrieren: die Führung. Ist es nicht endlich an der Zeit, dass Führungskräfte sich auf ihre Kernaufgaben, die Führung und die Sinnvermittlung konzentrieren. Wo sind die visionären Unternehmen die uns sinnstiftende Bilder von Zielzuständen vermitteln. Wo sind die Führungskräfte die sich je nach Situation und Bedrohung vor oder hinter, schützend oder anführend,  Ihre Mitarbeiter stellen und sowohl fordern, wie auch fördern. Ja, Chefs die mit den ihnen anvertrauten Ressourcen umgehen können und für diese Sorge tragen.

Die Wirtschaft braucht starke Chefs und keine Wunderheiler. Überdurchschnittliche Vorgesetzte suchen sich überdurchschnittliche Mitarbeiter, wie sich hervorragende Mitarbeiter auch hervorragende Chefs suchen. Diese sehr guten Mitarbeiter verfügen selbstverständlich auch über eine überdurchschnittliche  Motivation und benötigen wenig zusätzliche Anreize. Hervorragende Mitarbeiter leisten Großes weil sie den Sinn in ihrem Tun erkennen. Hervorragende Chefs führen diese, schaffen die notwendigen Rahmenbedingungen und schützen diese Mitarbeiter vor negativen Einflüssen. Hervorragende Chefs bereiten das Unternehmen und die Mitarbeiter permanent auf die Herausforderungen der Zukunft vor, indem sie die Unternehmensstrategie in periodischen Abständen hinterfragen und ggf. den geänderten Bedingungen anpassen und/oder Massnahmen unmittelbar in eine Eventualplanung einfließen lassen.

Ein Gedanke zu „Resilienzmanagement, das neue Heilmittel der Personalwirtschaft?

  1. Hallo Herr Hielke,

    spannender Beitrag, den Sie da geschrieben habe. Ich gehe gerne ein wenig darauf ein.

    Wo ich mitgehen kann: der Begriff Resilienz ist in aller Munde und entwickelt sich tatsächlich zum Allheilmittel für die Herausforderungen von Wirtschaftsorganisationen. Auch mir, der viel im Bereich Resilienz tätig ist, geht das alles einen Tick zu schnell. Wir sind gerade dabei zu verstehen, was Resilienz auf individueller Ebene ist und schon gibt es zahlreiche Berater, die Dienstleistungen für deutlich komplexere Systeme anbieten. Dazu zählen „Resilient Führen“, „Resiliente Teams“, „Resiliente Organisationen“ etc. Ich habe vor Kurzem mal eine Kollegin, die als Beraterin verspricht Unternehmen resilienter zu machen gefragt, was denn eigentlich ein resilientes Unternehmen ausmacht. Die Antwort war mehr als enttäuschend. Außer „Resilienten Mitarbeitern und Führungskräften“ wurde da nichts Wichtiges genannt. Kein Wort über Liquidität, Innovationskraft, agile Prozesse etc. Nichts dergleichen.

    Wo ich eine andere Meinung habe: das Argument: „das ist doch alles nicht neu“ bekomme ich sehr häufig zu hören. Die Frage, die ich mir dabei stelle ist: „wieso ist das ein Problem?“. Sie haben vollkommen Recht: vieles über das im Bereich Resilienz gesprochen wird, ist nicht neu und das ist auch gut so. Wieso? Weil wir entsprechend auf ein Wissen und Methoden zurück greifen, die bereits wissenschaftlich erprobt sind und ihre Wirksamkeit bewiesen haben. Schaut man auf das Thema Resiliente Organisationen brauchen Sie nur bei Malik nachzulesen: dort werden Sie im CPC-Modell (Central Performance Control) die wichtigsten Faktoren finden, um eine Resiliente Organisation (eine krisenfeste, agile Organisation) „zu basteln“. Ebenso ist es bei der Individuellen Resilienz. Wir arbeiten hier mit wissenschaftlich bestens erprobten Modellen wie das ABC-Modell von Ellis oder dem Konzept der Erlernten Hilflosigkeit von Seligman.

    Das was neu ist, ist der Bedarf von Unternehmen und den Menschen darin: das ist das Wichtige! Diese Ächzen unter der Veränderungsgeschwindigkeit und der hinreichend bekannten steigenden Zahl von Berufsunfähigkeiten und Fehltagen aufgrund psychologischer Erkrankungen. Hierfür wird eine Antwort gesucht und das Resilienzkonzept, ist eine solche. Das Feld für ein teils jahrtausendaltes Wissen ist somit bestellt. Es gibt einen Bedarf.

    Mein Fazit: ja, wir sollten Resilienz nicht als Wunderwaffe für alle Probleme sehen und, ja, vorsicht vor selbsternannten Resilienzexperten, die gerade überall aus dem Boden schießen. Vorsicht aber bitte auch davor, dass ganze zu schnell als Modeerscheinung abzutun. Das ist für mich genauso falsch, wie Resilienz als Allheilmittel zu propagieren. Einerseits tun Sie damit nämlich den mutigen Unternehmen, die sich vorsichtig an das Thema heran wagen (und teils tolle Erfolge mit Resilienztrainings etc. erzielen) Unrecht. Andererseits laufen wir Gefahr ein aus meiner Sicht äußerst wichtiges und wirksames Thema bevor es erst aufblühen konnte, im Keim zu ersticken. Das wäre sehr schade!

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