Der Personaler reloaded – eierlegende, überforderte Wollmilchsau oder angesehener Spezialist?

wollmilchsau

Wenn man heute die führenden Personalmedien liest, dann besteht der Job des Personalers nur aus den strategischen Themen wie Personalentwicklung, Recruiting, Innovation, Demografie und Unternehmensentwicklung. Diese Themen sind in den letzten Jahren massiv angestiegen und die Themenvielfalt wird immer größer. Nicht weniger, wenn nicht sogar noch komplexer sind aber gleichzeitig und weiterhin die klassischen Aufgaben geworden, um die sich Personaler schon seit Anfang an kümmern müssen. Die Gehaltsabrechnung, Arbeitsverträge, Personalakten, Sozialversicherungen und was es sonst noch so an administrativen Aufgaben gibt. Das ist die schöne, neue Personaler-Welt, Überforderung mit einbegriffen.

Verschärfend diskutieren Personaler selbstkasteiend unter sich ihre eigene „Sinnkrise“. Die einen, die sich eigentlich immer noch sehr wohl fühlen in ihrer alten Haut als oberster Gehaltsabrechner, die sich aber von der Unternehmensführung nicht genügend wahrgenommen fühlen. Die anderen, die sich lieber um die strategischen Themen kümmern, aber von der Unternehmensführung nicht akzeptiert werden – was kann ein Personaler schon zur Unternehmensentwicklung beitragen?

Ich war vor kurzem bei einer interessanten Veranstaltung mit mehreren Personalleitern. Einige kamen aus Unternehmen, denen es wirtschaftlich gut geht und die genau diese Themen diskutieren – wie kann ich junge Mitarbeiter rekrutieren und im Unternehmen halten, wie kann ich der demographischen Entwicklung entgegen wirken usw.. Gleichzeitig war ein Personaler eines großen Unternehmens dabei, der 2.000 Mitarbeiter abbauen muss. Da geht es eher um Themen wie Arbeitsrecht, Abfindungen, Verhandlungen mit dem Betriebsrat usw.. Und gleichzeitig muss er sich um Finanzthemen kümmern und klären, wie die Urlaubsrückstellungen in der Bilanz richtig verbucht werden. Allein dieses Beispiel hat mir wieder einmal gezeigt, welche Bandbreite heute vom Personaler gefordert wird und wie unterschiedlich diese wahrgenommen werden bzw. wahrgenommen werden können. Ich glaube, es gibt derzeit keine Berufsgruppe, die einen derartigen Spagat in ihrer täglichen Arbeit zeigen muss wie die Zunft der Personaler. Da muss es einen nicht wundern, dass es Diskussionen über die Wertigkeit der Personaler und ihre Wertschöpfung fürs Unternehmen gibt.

Ich glaube, dass Personaler heute viel klarer werden und sich für ihre Themen positionieren müssen. Es kann aus meiner Sicht nicht dauerhaft funktionieren, dass sich ein Bereich auf der einen Seite um die strategische und innovative Unternehmensentwicklung kümmern soll, auf der anderen Seite er aber rechtssicherer Spezialist für Steuer und Sozialversicherung sein kann. Ganz nebenbei soll dann die ganze administrative Personalarbeit hocheffizient, modern und sicher organisiert werden.

Dabei gibt es sicherlich verschiedene Möglichkeiten, um aus diesem Dilemma zu entfliehen.

Manche versuchen es mit dem Dave-Ulrich-Modell, wobei das ja eigentlich nur eine andere Organisationsform innerhalb der Personalabteilung ist und aus meiner Sicht nicht das Grundproblem löst. Denn nur durch eine interne Umorganisation löse ich nicht das Problem des Spagats – die vielfältigen Aufgaben verbleiben dennoch an der Spitze. Die administrativen Aufgaben können heute schon durch entsprechende IT-Tools und digitale Systeme stark automatisiert werden und somit auch hocheffizient und sicher abgewickelt werden. Wenn das gelungen ist, bleibt die notwendige Zeit und die Ressourcen, sich um die strategischen Themen zu kümmern. Dazu ist aber zum einen ein gewisses IT- und Prozess-KnowHow notwendig (das muss der Personaler also auch noch haben), zum anderen ist ein einmaliger und laufender Invest in die entsprechenden Systeme notwendig, den die meisten Unternehmen nicht bereit sind, einzugehen. Vorher wird in Forschung & Entwicklung, Prozessgestaltung in der Produktion oder Marketing & Vertrieb investiert. Eine Möglichkeit, das zu umgehen, ist das Thema Outsourcing, aber auch hier sind nicht alle Unternehmen bereit, diesen Schritt zu gehen – ein anderer kann es ja nicht so gut (wieso eigentlich nicht?) …

Andere hören zunehmend auf die Stimmen, die die Personalabteilung ganz auflösen möchten – alles administrative wird outgesourct und der Rest ist sowieso nur noch Führungsaufgabe. Sicherlich ein sehr radikaler Weg, doch ich glaube, wenn sich die Diskussionen um den Mehrwert der Personalabteilung noch weiter fortführen, dann wird es immer mehr Anhänger dieser Idee geben.

Wenn wir uns amerikanische Unternehmen anschauen, dann haben die oftmals eine ganz andere Organisationsform und eine ähnliche habe ich auch vor mehr als 20 Jahren selbst schon erlebt. Die Trennung von administrativer und strategischer Personalarbeit in zwei eigenständige Bereiche. Warum nicht diese Themen trennen und zum Beispiel die komplette Lohn- und Gehaltsabrechnung in den Finanzbereich geben. Bei Kleinunternehmen ist das ganz normal, da macht der Steuerberater das Finanzwesen und die Gehaltsabrechnung und der Chef kümmert sich um die Personalthemen. Sicherlich kann ich ein Kleinunternehmen nicht mit einem Konzern vergleichen, aber warum soll nicht auch einmal der Große vom Kleinen lernen? Da gab es doch schon mal so eine Geschichte mit David und Goliath.

Mein Appell daher an alle Personaler: Hört auf mit der Sinndiskussion und stellt euch selbst mal auf den Prüfstand. Muss alles so bleiben, wie es ist, oder muss aus der eierlegenden Wollmilchsau der angesehene Spezialist werden bzw. müssen es eigentlich sogar zwei sein? Die Frage nach dem Personaler reloaded – nie war sie spannender als heute!

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in HR-Effizienz, HR-Struktur, Prozesse und verschlagwortet mit , , von Thomas Eggert. Permanenter Link zum Eintrag.

Über Thomas Eggert

Schon seit fast 30 Jahren beschäftige ich mich mit dem Thema Personalarbeit, ob zuerst als Personalmanager oder später als Partner der Personalmanager. Meine Themen sind vor allem das operative Personalmanagement, das neben den Themen wie Recruiting oder Personalentwicklung die Basis des Personalgeschäfts absichert und weiterhin die Effizienz in modernen Personalabteilungen. Ich bin heute Geschäftsführer bei der BEGIS GmbH und SiiWii GmbH und in den verschiedensten Gremien, unter anderem als Beirat der Messe Zukunft Personal tätig.

5 Gedanken zu „Der Personaler reloaded – eierlegende, überforderte Wollmilchsau oder angesehener Spezialist?

  1. Der von mir beschriebene Personalleiter hat sich in meinem Beitrag gleich erkannt und heute auch an mich geschrieben. Die Reaktion möchte ich Ihnen nicht vorenthalten:

    „Habe den blog gelesen…

    …und fühle mich gut getroffen
    😉

    Ja, ich habe es satt, das Gelabere von Talent aquisition und employer branding. In der Hölle der Restrukturierung die Mitarbeiter fair zu behandeln ist das größte employer branding. Hard core Personalarbeit ist Arbeit. Knallharte funktionierende Prozesse, die Mehrwert stiften, kreative Ideen und keine Schönwettersegler. Wir brauchen eine Re-Professionalisierung.

    Weiter so!“

    Da kann ich nur sagen – vielen Dank für das Feedback!

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